Start  >>  Lexika  >>  Organische Chemie

Reaktionsmechanismen

Ethen entfärbt Brom

Ethen reagiert mit Brom    >Film


Die Kenntnisse über die Reaktionsmechanismen sind in der organischen Chemie notwendig, um chemische Verbindungen herstellen zu können.
Wenn ein Molekül oder ein Ion Elektronen aufnehmen kann, bezeichnet man es als elektrophil („elektronenliebend“). Kann ein Molekül oder Ion Elektronen zur Verfügung stellen, so ist es nukleophil (ursprünglich „kernliebend“, heute in der Bedeutung „elektronenspendend“). Der „Angriff“ auf ein stabiles Molekül erfolgt mit einem anderen Teilchen, das fähig ist, das Molekül zu aktivieren. Chemische Reaktionen in der organischen Chemie beruhen auf Veränderungen der Elektronenverteilung und der Elektronenpaarung.

Nukleophile
sind Moleküle oder Ionen, die Elektronen zur Verfügung stellen und diese zur Bildung einer neuen Bindung einsetzen können. Typische Nukleophile sind zum Beispiel:

Br
   CN   H2O (schwach)   C=C-Doppelbindungen   Basen wie  NH3  oder  OH

Elektrophile sind Moleküle oder Ionen, die Elektronen aufnehmen können. Elektrophile ziehen Elektronen an und nehmen sie zur Bindungsbildung auf. Typische Elektrophile sind zum Beispiel:

Brδ+ (positiv polarisiertes Brom-Atom)    NO2+
(Nitronium-Ion)    H+ (Proton einer Säure)

Radikale sind Moleküle oder Atome, die mindestens ein ungepaartes Elektron besitzen. Sie sind sehr reaktionsfreudig, da sie bestrebt sind, wieder einen stabileren Zustand mit gepaarten Elektronen zu erreichen. Radikale entstehen typischerweise durch Spaltung einer Bindung, zum Beispiel durch hohe Temperatur oder UV-Licht, wobei jeder Bindungspartner ein Elektron erhält. Sauerstoff-, Chlor- oder Brom-Moleküle liefern gerne Radikale, Peroxide ebenfalls. Beispiele:

Br2  →  Br·  +  ·Br
      H2O2  →  HO·  +  ·OH    

Radikale besitzen weder einen Elektronenüberschuss noch einen Elektronenmangel im klassischen Sinn. Sie sind daher weder nukleophil noch elektrophil, sondern reagieren, um ihr ungepaartes Elektron zu paaren. Radikale reagieren häufig mit σ-Bindungen (zum Beispiel C–H-Bindungen) oder mit π-Bindungen (zum Beispiel C=C-Doppelbindungen), indem sie neue Bindungen ausbilden.
 

Schwachstellen in organischen Molekülen
 

Wie kann man Schwachstellen in Molekülen erkennen? Die Schwachstellen sind Atome oder Bindungen, an denen chemische Reaktionen bevorzugt ablaufen. Ursache sind stets Ungleichverteilungen von Elektronendichte oder instabile Bindungssituationen. Im Folgenden werden die wichtigsten Arten solcher Schwachstellen erläutert. 

1. Polare Bindungen, freie Elektronenpaare. In einer polaren Bindung sind die Bindungselektronen ungleich verteilt. Das elektronegativere Atom zieht die Elektronen stärker an und trägt eine partielle negative Ladung (δ−), das andere Atom trägt eine partielle positive Ladung (δ+). Atome mit partieller positiver Ladung sind bevorzugte Angriffspunkte, da sie elektronenarm sind. Typische Beispiele für polare Bindungen sind:

C–O    C–N    C–Cl    C–Br    O–H    N–H

Chemisch gebundene Sauerstoff-, Stickstoff- oder Halogen-Atome besitzen in vielen organischen Verbindungen freie Elektronenpaare. Diese Elektronen sind nicht an der Bindung beteiligt, sie stehen für die Bildung neuer Bindungen zur Verfügung.

2. Mehrfachbindungen
. Doppel- und Dreifachbindungen bestehen aus verschiedenen Bindungsarten. Neben einer σ-Bindung (Sigma-Bindung) enthalten sie gemäß dem Hybridorbitalmodell eine oder zwei π-Bindungen (Pi-Bindungen). Beispiele: 

C–C  (Alkane): eine σ-Bindung
C=C 
(Alkene): eine σ-Bindung und eine π-Bindung
C≡C 
(Alkine): eine σ-Bindung und zwei π-Bindungen
C=O 
(Carbonylgruppe): eine σ-Bindung und eine π-Bindung


π-Bindungen sind im Vergleich zu σ-Bindungen reaktionsfreudiger. Die π-Elektronen wirken nukleophil. Besonders reaktiv ist die C=O-Doppelbindung der Carbonylgruppe, da sie zusätzlich eine starke Polarität aufweist. Das Kohlenstoff-Atom der Carbonylgruppe ist elektrophil. Dadurch kann es durch Nukleophile wie CN angegriffen werden.
 

sp2-HybridorbitalmodellLupe

sp2-Hybridorbitalmodell für Ethen mit σ-Bindung und mit π-Bindung.


3. Stabilität der entstehenden Moleküle oder Ionen
. Bindungen lassen sich besonders leicht lösen, wenn bei der chemischen Reaktion stabile Ionen oder Moleküle entstehen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für Substitutions- und Eliminierungsreaktionen. Typische Beispiele: 
  • Ist in einem organischen Molekül ein Halogen-Atom (zum Beispiel Cl, Br oder I) an ein Kohlenstoff-Atom gebunden, so kann sich diese Bindung lösen, wobei das Halogen-Atom die Bindungselektronen vollständig mitnimmt. Dabei entsteht ein Halogenid-Ion, das relativ stabil ist. Deshalb lassen sich solche Bindungen vergleichsweise leicht spalten.
  • Bei Alkoholen ist die C-O-Bindung zwischen dem Kohlenstoff-Atom und dem Sauerstoff-Atom zunächst schwer zu spalten. Nimmt das Sauerstoff-Atom jedoch ein Proton (H+) auf, spricht man von Protonierung. Diese führt zum Lösen der Bindung, das Molekül wird dann umgebaut, zum Schluss spaltet sich ein Wasser-Molekül (H2O) ab. Das Proton selbst wird dabei nicht verbraucht, es wirkt katalytisch. 
  • Benzol reagiert mit Brom, wenn ein Katalysator wie FeBr3 vorhanden ist. Es entsteht zunächst eine instabile, positiv geladene Zwischenverbindung, die nicht aromatisch und daher energetisch ungünstig ist. Durch die Abspaltung eines Protons wird die Aromatizität am Benzolring wiederhergestellt. Das entstehende Brombenzol ist deutlich stabiler als die Zwischenverbindung. 
4. Bindungsspannung verursacht Instabilität.  Bindungsspannung in Molekülen erhöht deren Reaktivität. Sie entsteht, wenn Bindungen nicht die für sie günstige räumliche Anordnung einnehmen können. Ein typisches Beispiel sind dreigliedrige Ringe. In Molekülen wie Cyclopropan oder Ethylenoxid sind die Bindungswinkel stark vom normalen Bindungswinkel abweichend. Dadurch entsteht Spannung im Molekül, die durch Reaktionen abgebaut werden kann.


Beispiele für die verschiedenen Reaktionstypen in der organischen Chemie

Die Benennung des Reaktionstyps erfolgt zuerst nach dem Teilchen, das den Mechanismus der jeweiligen Reaktion charakterisiert (Elektrophil, Nukleophil, Radikal). Dann folgt die Art der Bindungsänderung (Addition, Substitution, Eliminierung). Bei der Symbolschreibweise wird zuerst die Bindungsänderung genannt, dann folgt das Symbol für den Mechanismus. In deutschen Schulbüchern ist dieses Symbol oft tiefgestellt.


Reaktionstyp Typischer Angriffsort Reaktionsprinzip Beispiele
Elektrophile Addition
AE


Mechanismus
Folie
π-Elektronen der C=C- bzw. C≡C-Bindung zwischen zwei C-Atomen Die elektronenreiche Mehrfachbindung wirkt nukleophil. Sie polarisiert das Molekül des Reaktionspartners, dadurch wird ein Teil des Moleküls elektrophil und kann angreifen. Der andere Teil des Moleküls wird dann ebenfalls addiert. Ethen reagiert mit Brom zu 1,2-Dibromethan.
CH2=CH2 + Br2
Br–CH2–CH2–Br
Nukleophile Addition
AN
Carbonyl-Kohlenstoff-Atom (Cδ+) der C=O-Gruppe Ein Nukleophil (z.B. CN), greift das elektrophile Kohlenstoff-Atom der Carbonylgruppe an. Dabei wird die Doppelbindung aufgelöst und das Nukleophil an das C-Atom gebunden. Methanal reagiert mit Blausäure zu einem Hydroxynitril.
HCHO + HCN →
HO–CH2–CN
Radikalische Addition
AR
C=C-Doppelbindung zwischen zwei sp²-hybridisierten C-Atomen Durch Bildung von Radikalen wird die Reaktion ausgelöst. Radikale greifen die Doppelbindung an und ermöglichen die Addition der Reaktionspartner. Propen reagiert mit Bromwasserstoff zu 1-Brompropan, wenn Peroxid vorhanden ist.
CH3–CH=CH2+HBr →
CH3–CH2–CH2Br
Elektrophile aromatische Substitution SEAr

Mechanismus
Folie
π-Elektronensystem des aromatischen Rings (C-Atome des Benzolrings) Ein Elektrophil greift den aromatischen Ring an. Nach kurzzeitigem Verlust der Aromatizität wird diese wiederhergestellt. Benzol reagiert mit Brom und FeBr3-Katalysator zu Brombenzol und Bromwasserstoff.
C6H6 + Br2
C6H5Br + HBr
Nukleophile Substitution SN1

Mechanismus
Folie
Tertiäres C-Atom nach Abgang eines Substituenten Zuerst Abgang eines Substituenten vom tertiären C-Atom, dann Bindung des angreifenden Nukleophils am positiv polarisierten C-Atom. tert-Butylchlorid reagiert mit Wasser zu tert-Butanol und Chlorwasserstoff.
(CH3)3CCl+H2O →
(CH3)3COH + HCl
Nukleophile Substitution SN2

Mechanismus
Folie
C-Atom, das mit einem negativ polarisierten Substituenten verbunden ist und dadurch positiv polarisiert wird Gleichzeitiger Abgang eines Substituenten und Bindung
des angreifenden Nukleophils am positiv polarisierten C-Atom.
Iodmethan reagiert mit Hydroxid-Ionen zu Methanol und Iodid-Ionen.
CH3I + OH
CH3OH + I
Radikalische Substitution
SR

Mechanismus
Folie
C–H-Bindung eines Alkans Radikale ermöglichen den Austausch von Wasserstoff-Atomen durch andere Atome. Dabei können weitere Radikale entstehen. Methan reagiert mit Chlor bei UV-Licht zu Chlormethan und Chlorwasserstoff.
CH4 + Cl2
CH3Cl + HCl
Eliminierung
E1
H-Atome, die an C-Atomen sitzen, die mit einem tertiären C-Atom (nach Abgang eines Molekülteils) verbunden sind Zuerst Abgang eines Molekülteils vom tertiären C-Atom, dann Entfernung eines H-Atoms von einem benachbarten C-Atom und Bildung einer Doppelbindung tert-Butanol reagiert (säurekatalysiert) zu Isobuten und Wasser.
(CH3)3C–OH →
(CH3)2C=CH2 + H2O
Eliminierung
E2

Mechanismus
Folie

H-Atom an einem C-Atom, das mit einem benachbarten C-Atom verbunden ist, von dem sich ein Molekülteil löst. Gleichzeitiger Abgang eines Molekülteils und eines H-Atoms von einem benachbarten C-Atom unter Bildung einer Doppelbindung. Ethanol reagiert (säurekatalysiert) zu Ethen und Wasser.
CH3–CH2OH →
CH2=CH2 + H2O


Bei den Reaktionen SN1 und E1 geht vor der eigentlichen Substitution oder Eliminierung zuerst ein Molekülteil weg. Erst dann ist das verbleibende Molekül so aktiviert, dass die Reaktion stattfinden kann. Bei den Reaktionen SN2 und E2 startet die Reaktion sofort.

Die bekannte Reaktion von 1,2-Dibromethan mit Zink ist eine Eliminierungsreaktion im allgemeinen Sinn, bei der in einer Reduktiven Dehalogenierung zwei Halogen-Atome von benachbarten C-Atomen entfernt werden und Ethen und Zinkbromid entstehen. Sie stellt keinen speziellen Eliminierungsmechanismus dar und lässt sich weder dem E1- noch dem E2-Mechanismus zuordnen.

Die säurekatalylsierte Esterreaktion zählt zu den Kondensationsreaktionen, es verbinden sich zwei Moleküle unter Abspaltung eines Wasser-Moleküls. Der eigentliche Angriff erfolgt nach der Protonierung der Carbonylgruppe durch die nukleophile OH-Gruppe des Alkohols.

Mechanismus des Esterreaktion    Folie zur Esterreaktion



Weitere Beispiele und Erklärungen in Kurzform

Additionen

Bei einer Addition kommen Atome oder Atomgruppen in ein bestehendes Molekül hinzu. Besonders aufnahmefähig sind ungesättigte Zweifach- oder Dreifachbindungen.

R–X  +  Y
reagiert zu   RXY
Substitutionen
 
Bei einer Substitution werden Atome oder Atomgruppen ausgetauscht (von engl. substitute, ersetzen).

RX  +  Yreagiert zu   RY  +  X
Eliminierungen


Bei einer Eliminierung wird ein Molekül M1 so verändert, dass zwei Atome oder Atomgruppen entfernt werden und dadurch ein weiteres Molekül M2 entsteht. Häufig bildet sich im veränderten Molekül M1' eine C=C-Doppelbindung.

M1reagiert zu  M1'  +  M2

Umlagerungen

Ein Substituent in einem Molekül löst sich und bildet eine neue Verknüpfung.

R–XYreagiert zu   RYX

Kondensationsreaktionen
 
Bei einer Kondensation verbinden sich zwei Moleküle unter Abspaltung eines kleinen Moleküls (meist Wasser).

R1X  +  R2Yreagiert zu   R1R2  +  H2O

Kettenpolymerisationen


Monomere reagieren in einer Kettenwachstumsreaktion zu einem Polymer.


Polyadditionen
 
Mehrere Monomere lagern sich unter Umlagerung aneinander.

Hydrierungen

Eine Hydrierung ist eine Reduktion, bei der ein Stoff durch Reaktion mit Wasserstoff Elektronen aufnimmt; dabei werden Wasserstoff-Atome in seine Struktur eingebaut.


Oxidationen

Bei einer Oxidation (nach Lavoisier) wird Sauerstoff in eine Verbindung eingeführt. Eine Oxidation liegt auch vor, wenn Elektronen entzogen werden und sich die Oxidationszahl erhöht.

Säure-Base-Reaktionen
 
Brønsted-Säuren oder Brønsted-Basen nehmen Protonen auf oder geben sie ab.

Grignard-Reaktionen

Bei den nach Victor Grignard (1871–1935) benannten Reaktionen wird ein metallorganisches Reagenz zur Synthese neuer, organischer Verbindungen eingesetzt.


Buch individuell erstellen: Basis-Text Reaktionsmechanismen
 
Text als docx
   Text als pdf

> Inhaltsverzeichnis


© Thomas Seilnacht / Benutzerhandbuch / Lizenz / Impressum / KI-Erklärung / Datenschutz / Literaturquellen