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Otto Hahn und Lise Meitner
 
Otto Hahn und Lise Meitner
 
Lise Meitner
geboren am 17. November 1878 in Wien
gestorben am 27. Oktober 1968 in Cambridge
Otto Hahn
geboren am 8. März 1879 in Frankfurt a.M.
gestorben am 28. Juli 1968 in Göttingen
 
Otto Hahn wurde als Sohn eines Glasermeisters am 8. März 1879 in Frankfurt geboren. Er hatte zwei Brüder. In der Schule langweilte sich Otto, vor allem der damalige Physik- und Chemieunterricht empfand er als sehr trocken. Doch zuhause in der Waschküche führte Otto "chemische Spielereien" durch, wie er es später nannte, beispielsweise die Herstellung von Wasserstoff aber auch gefährliche Experimente mit Natrium oder mit Kaliumchlorat und Phosphor gehörten dazu. Nach dem Besuch der Oberrealschule 1885 in Frankfurt und dem Abitur 1897 ging Otto Hahn nach Marburg, um zu studieren. Er belegte als Hauptfach Chemie bei Professor Theodor Zincke, einem Schüler von Friedrich Wöhler, sowie Mineralogie und Kristallographie, Physik und Mathematik waren dagegen nur Nebenfächer. 1901 folgte die Promotion an der Philosophischen Fakultät der Universität Frankfurt.  
  
Lise Meitner wurde 1878 als Tochter eines Rechtsanwalt in Wien in einer jüdischen Familie geboren. Da damals Mädchen noch nicht zum Abitur zugelassen waren, ging sie zunächst auf eine Bürgerschule und machte eine Ausbildung als Französischlehrerin. Mit Hilfe eines Selbststudiums holte sie das Abitur im Jahre 1901 am Akademischen Gymnasium in Wien nach. Im gleichen Jahr schrieb sie sich als Studentin der Universität Wien in den Fächern Mathematik und Physik ein, wo sie 1906 im Fach Physik promovierte. Danach arbeitete sie ein Jahr lang am Institut für Theoretische Physik in Wien. 

  
Weiterer Lebensweg von Otto Hahn

Nach dem obligatorischen Militärdienst erhielt Dr. Phil. Otto Hahn eine Anstellung am University College in London und war daraufhin Mitarbeiter von Sir William Ramsay (1852-1916), dem großen Entdecker der Edelgase und Nobelpreisträger. Beim Vorstellungsgespräch sagte Ramsay: "Sie werden über Radioaktivität arbeiten". Hahn hatte in Deutschland während seinem Studium nur wenig darüber gelernt und war zunächst vor den Kopf gestoßen. Ramsays Labor war gut ausgestattet und so lernte Hahn das Arbeitsverfahren kennen, mit dem Marie und Pierre Curie das Radium einige Jahr zuvor isoliert hatten. Hahn machte sich an die Arbeit, die von Ramsay geforderten 9 Milligramm Radium zu gewinnen. Dabei entdeckte er ein radioaktives "Element", das "Radiothorium", das sich später aber als Thoriumisotop herausstellen sollte. Im "Jahrbuch der Radioaktivität und Elektronik" beschrieb er 1905 die Verwendung eines Zinksulfid-Schirmes, der beim Auftreffen von radioaktiven Teilchen einen Lichtblitz erzeugte.

Ab 1905 war Otto Hahn für ein knappes Jahr an der McGill Universität in Montreal bei Sir Ernest Rutherford. Auch dort entdeckte er neue "Elemente", die sich später alle als Isotope der bisher schon bekannten Elemente herausstellen sollten. Sie erhielten Namen wie "Radioactinium" (später das Thoriumisotop 227), "Thorium C" oder "Radium D".

1906 ging Otto Hahn zu Emil Fischer (1852-1919) nach Berlin. Fischer war 1902 einer der ersten Nobelpreisträger für Chemie und hatte in Berlin eines der am besten ausgestattenen Labors der Welt. In Fischers Labor isolierte Hahn weitere "Elemente" (heute: Isotope bekannter Elemente) wie beispielsweise das Mesothorium I (heute: Radium-228) und Mesothorium II (heut: Actinium-228). Das Mesothorium wurde in der Medizin zur Bestrahlungstherapie von Krebsgeschwüren eingesetzt.

Bei Messungen über die Halbwertszeit vom natürlich vorkommenden Radium (heute bekannt als: Ra-226) fiel ihm ein Widerspruch auf. Bei einer Halbwertszeit von weniger als 2000 Jahren (heutiger Forschungsstand: 1599 Jahre) dürfte die Substanz in der Natur gar nicht mehr vorkommen: "Bei dem ungeheuren Alter unserer festen Erdkruste wäre daher das Radium, auch wenn die ganze Erde aus solchem bestanden hätte, heute längst verschwunden, wenn wir nicht eine andere Voraussetzung machen würden, nämlich die, dass das Radium selbst beständig von neuem gebildet wird." (Hahn 1907, in Hoffmann: Otto Hahn, S. 54)

Doch diesmal kam ihm der amerikanische Radiochemiker Bertram Borden Boltwood (1870-1927) zuvor. Nur wenige Tage vor Hahns Veröffentlichung über die "Muttersubstanz des Radiums" erschien 1907 im "American Journal of Science" Boltwoods Bericht über die Entdeckung des "Ioniums" (heute: Thorium-230, vgl. Uran-Radium-Zerfallsreihe).

  
Otto Hahn und Lise Meitner

Im Jahre 1907 bewarb sich Otto Hahn an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin um eine Habilitation. Die damaligen Chemiker an der Universität intessierten sich nur wenig für das Radium. Aus diesem Grunde verkehrte der Chemiker Hahn lieber in den Kreisen des Physikalischen Instituts. Dort kam er erstmals mit Lise Meitner in Kontakt. Sie kam 1907 als promovierte Physikerin nach Berlin und besuchte die Vorlesungen von Max Planck (1858-1947). Es entstand eine kollegiale Zusammenarbeit im Institut von Otto Hahn, die lange andauern sollte.

In den ersten Jahren entdeckten die beiden Wissenschaftler eine ganze Reihe an neuen Isotopen der Actinium-, Thorium- und Radiumzerfallsreihe (vgl. > Zerfallsreihen). Bis dahin konnte man die neu entdeckten "Elemente" nicht in das Periodensystem einordnen. Frederick Soddy lieferte 1913 mit seiner Theorie über die Isotope eine Lösung. Jedes Element hat eine eindeutig festgelegte Kernladungszahl (Ordnungszahl), von jedem Element gibt es aber unterschiedliche Atomarten, die sich durch unterschiedliche Atommassen auszeichnen. Nun war klar, dass Otto Hahn und Lise Meitner keine neuen Elemente entdeckt hatten.

1910 wurde Otto Hahn zum ordentlichen Professor ernannt. Bei einem seiner Vorträge reiste er im Mai 1911 zu einer Tagung nach Stettin. Auf einer abschließenden Dampferfahrt auf der Ostsee kam er mit einer hübschen Dame mit großem Sommerhut ins Gespräch. Edith Junghans studierte an der königlichen Kunstschule in Berlin und war die Tochter des Stettiner Präsidenten des Stadtparlaments. Otto Hahn verliebte sich in die 25jährige Kunststudentin und heiratete sie zwei Jahr später. Mit Lise Meitner hatte er nach eigenen Angaben dagegen immer nur kollegialen Kontakt.

Der Bau des Kaiser Wilhelm Instituts in Berlin im Jahre 1911-1912 eröffnete ein neues Betätigungsfeld. 1912 übernahm Otto Hahn die Leitung für eine Abteilung, die sich mit der Erforschung der Radioaktivität befasste. Zu dieser Zeit arbeitete auch Fritz Haber in führender Position am Institut. Im gleichen Jahr fuhr Otto Hahn anlässlich der Sitzung der internationalen Radiumkommission nach Paris und lernte bei dieser Gelegenheit Marie Curie persönlich kennen. Der ebenfalls anwesende Ernest Rutherford lud die Kommissionsmitglieder zu einem Essen ein und berichtete über seine Atomvorstellungen, dass sich im Innern des Atoms ein kleiner, konzentrierter Kernraum befindet, in dem eine starke Kraft wirkt, so dass die alpha-Strahlung abgelenkt wird. Ab 1913 erhielt auch Lise Meitner fest am Kaiser Wilhelm Institut eine bezahlte Anstellung.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges setzten sich zahlreiche deutsche Forscher für die "Vaterlandsverteidigung" ein und unterstützten in einem "Aufruf an die Kulturwelt" die Kriegsziele des Deutschen Kaisers. Neben Otto Hahn gehörten auch andere Wissenschaftler wie Emil Fischer, Fritz Haber, Wilhelm Ostwald, Max Planck oder Wilhelm Roentgen zu den Unterzeichnern. Ab 1915 wurde Otto Hahn einer "Spezialtruppe" zugewiesen: In Fritz Habers Gruppe entwarf man die Technologie des Gaskrieges. Das Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin, in dem Lise Meitner zunächst noch arbeitete, wurde für kriegswichtige Arbeiten offiziell in Beschlag genommen. Hahn hatte gegenüber Haber zwar Einwände, dieser hielt den Einsatz von Giftgas wie Chlor an der Front jedoch für legitim. Während eines Fronteinsatzes erkannte Hahn die "ganze Unsinnigkeit des Krieges" (vgl. >Gaskrieg). Im Dezember 1916 erfolgte die Versetzung in die chemische Fabrik der Bayer-Leverkusen, wo Gasgranaten und Gasmasken hergestellt wurden. Beim Test einer Gasmaske kam Otto Hahn mit dem gefährlichen Kampfgas Phosgen in Berührung und musste sich einer ärztlichen Behandlung unterziehen. Lise Meitner arbeitete zu dieser Zeit als Röntgenologin für die österreichische Armee an der Ostfront.

Nach dem Krieg setzten Otto Hahn und Lise Meitner ihre Arbeiten wieder fort. Beim Aufschluss eines besonders schwer aufschließbaren Rückstandes der Pechblende erhielten sie im Jahre 1918 ein neues, "echtes" Element. Ein kurzlebiges Isotop dieses Elements (Pa-234) war schon 1913 von mehreren Forschern unabhängig voneinander entdeckt worden. Otto Hahn und Lise Meitner verliehen der "Muttersubstanz des Actiniums" (dem langlebigen Isotop Pa-231) den Namen Protactinium.

Nachdem es Ernest Rutherford im Jahre 1919 gelungen war, erstmals Stickstoffatome durch den Beschuss von alpha-Teilchen in Wasserstoff- und Sauerstoffatome umzuwandeln, war die Nutzung einer Energiegewinnung aus Atomen ein Stück näher gekommen. Einige Wissenschaftler träumten zu diesem Zeitpunkt schon davon, andere befürchteten, dass die dabei frei gesetzte Energie die ganze Erde zerstören könnte.

Im Jahre 1922 lud Niels Bohr die beiden deutschen Forscher nach Kopenhagen ein. Diese revanchierten sich mit einer Einladung nach Berlin. Im gleichen Jahr habilitierte Lise Meitner, 1926 wurde sie außerordentliche Professorin an der Universität Berlin. 1932 fand die sogenannte "Bunsentagung" in Münster statt, an der fast alle namhaften Atomphysiker der damaligen Zeit teilnahmen. Rutherford hielt den Einführungsvortrag und James Chadwick (1891-1974) berichtete von der Entdeckung des Neutrons. Um dieses neu entdeckte Teilchen wurde an der Tagung dann ausführlich diskutiert. Einige Teilnehmer glaubten, dass mit dem neu entdeckten Teilchen neue Entdeckungen gelingen könnten.

Kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 reiste Otto Hahn auf eine Vortragsreise in die USA. Dort erfuhr er dann von den besorgniserregenden Ereignissen in Deutschland. Dem Reichstagsbrand am 27. Februar folgte die Verhaftung zahlreicher Oppositioneller. In einem Brief von Lise Meitner an Otto Hahn in die USA drückte sie ihre Besorgnisse aus. Am 7. April erließen die Nazis das Gesetz zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", das nur dazu diente, den Staatsapparat von Angestellten mit jüdischer Abstammung zu säubern. Nach der Rückkehr nach Deutschland setzte sich Otto Hahn für Lise Meitner ein, was aber nichts nützte: Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung wurde sie am 6. September 1933 aus der Universität entlassen. Am 29. Januar 1934 starb Fritz Haber auf einer Reise in Basel. Er war zuvor aus dem Institut ebenfalls ausgeschieden und als Jude auf der Suche nach einer neuen Heimat in Europa herumgereist. Aus Protest und Solidarität gegenüber allen schickanierten Mitarbeitern trat Otto Hahn offiziell aus der Berliner Universität am 31. Januar 1934 aus. Die Gedenkveranstaltung zum ersten Todestag Fritz Habers im Januar 1935 wurde von den Nazis verboten. Trotzdem fand sie statt und Otto Hahn verlaß eine Rede von Friedrich Bonhoeffer.

1934 beobachteten Frédéric Joliot und Irène Joliot-Curie, die Tochter von Marie Curie, ein Phänomen, das zuvor niemand beobachtet hatte: Beim Beschuss einer Aluminiumfolie mit alpha-Strahlung sendete die Folie für kurze Zeit ebenfalls eine Strahlung aus. Zum ersten Mal konnte der radioaktive Zerfall künstlich ausgelöst werden. Angeregt durch diese Entdeckung machte sich in Rom Enrico Fermi (1901-1954) daran, alle bisher bekannten Elemente mit Neutronen zu beschießen. Lise Meitner und Otto Hahn fuhren trotz der Repressionen mit ihrer Arbeit fort und führten die gleichen Experimente wie Fermi durch. Fermi vermutete, dass durch den Neutronenbeschuss weitere Elemente, jenseits des Urans, also die Transurane mit einer höheren Ordnungszahl als 92, entstehen könnten. Am 1. Januar 1935 erhielt das Team Hahn-Meitner einen neuen Assistenten: Fritz Straßmann (1902-1908). Das neue Team glaubte bald, neue Elemente jenseits des Urans hergestellt zu haben, doch leider unterlag es wieder einer Täuschung, denn es hatte bis dahin noch kein echten Transurane hergestellt, wie sich später zeigen sollte.

Im Jahre 1938 verschlechterte sich die Situation für das Team erneut, nachdem Hitler Österreich annektiert hatte. Lise Meitner wurde nun "Reichsdeutsche", dadurch war ihr Leben aufgrund ihrer jüdischen Abstammung plötzlich gefährdet. Am 13. Juli 1938 floh sie über Holland nach Schweden. Die Flucht wurde von Otto Hahn und ausländischen Freunden vorbereitet. Im gleichen Jahr floh auch Enrico Fermi aus Italien. Er nutzte die Verleihung des Nobelpreises für Physik in Schweden, um sich mit seiner Frau aus dem faschistischen Italien abzusetzen.

Hahn und Straßmann arbeiteten unverdrossen weiter, doch alle ihre Ergebnisse teilten sie unverzüglich Lise Meitner in Schweden brieflich mit. Im November 1938 berichtete Hahns Team Niels Bohr von einer Entdeckung, dass sich durch den Beschuss von Uran ein "Radiumisotop" gebildet habe. Bohr war zunächst skeptisch, denn das Phänomen, dass das Uran vier Kernladungen abgeben würde, konnte nicht theoretisch erklärt werden. Als Trägermaterial hatte das Team Barium verwendet und dieses Element kam für das Produkt daher vorläufig nicht in Frage. So machte sich das Team fieberhaft daran, die Entstehung des "Radiumisotops" experimentell zu beweisen. Das folgende Foto zeigt die Experimentalanordnung, die Hahn nach Anweisung von Lise Meitner gebaut hatte und mit der Hahns Team den Beweis erbringen wollte:

Otto Hahns Arbeitstisch

   
In einem Paraffinblock (rechts hinten im Glaskasten) befindet sich eine Mischung ausRadium und Beryllium als Neutronenquelle und dicht daneben im Block die Uranprobe. Das Paraffin dient zur Erzeugung von langsamen Neutronen. Diese werden beim Durchgang durch das Paraffin abgebremst, dadurch erhöht sich die Trefferwahrscheinlichkeit auf den Atomkern in den Uranatomen erheblich. Die Saugflasche vor dem Block dient zum Abtrennen der radioaktiven Fällungsprodukte. In der Mitte des Tisches befindet sich eine Zähleinrichtung nach Geiger-Müller, die auch beta-Strahlung messen kann. Unter dem Tisch sind Batterien zur Erzeugung der hohen Spannung für das Zählrohr angebracht.   

Am Abend des 17. Dezember 1938 laß Hahn einen ungewöhnlichen Befund des Experiments, den er von Straßmann erhalten hatte. In einem spontan verfassten Brief an Lise Meitner schrieb er: "...Immer mehr kommen wir zu dem schrecklichen Schluss: unsere Ra-Isotope verhalten sich nicht wie Ra, sondern wie Ba.(...) Vielleicht kannst Du irgendeine phantastische Erklärung vorschlagen. Wir wissen selbst, dass das Uran nicht zerplatzen kann..."

Auch chemische Analysen wiesen darauf hin, dass Hahn und Straßmann nach dem Experiment nicht Radiumisotope nachgewiesen hatten, sondern Bariumisotope. Am 6. Januar 1939 veröffentlichten Hahn und Straßmann ihre Laborbefunde in der Zeitschrift "Die Naturwissenschaften". Die Umwandlung von Uran in Barium beschrieben sie zwar, formulierten aber mit höchster Vorsicht: "...Als der Physik in gewisser Weise nahestehende 'Kernchemiker' können wir uns zu diesem allen bisherigen Erfahrungen der Kernphysik widersprechenden Sprung noch nicht entschließen..."

Die theoretische Erklärung für das Phänomen erarbeitete Lise Meitner in Stockholm zusammen mit ihrem Neffen Otto R. Frisch (1904-1979). Mühsam wurde die Veröffentlichung auf englisch per Telefon von Stockholm nach Kopenhagen übertragen. Am 11. Februar 1939 erschien sie in der englischen Zeitschrift "Nature". Frisch verwendete darin erstmals den Begriff "nuclear fission" (Kernspaltung). Durch das Zerbrechen des Urankerns entstanden nach der Theorie die Elemente Barium und Krypton (vollständige Kernreaktion siehe bei >Uran). Der dabei auftretende Massenverlust musste in Form von Energie nach der Einsteingleichung E = mc2 abgegeben werden. Die Menge entsprach der ungeheuren Energie von 200 Millionen Elektronenvolt. Aufgrund dieser theoretischen Erklärung suchten Hahn und Straßmann nach dem Kryptonisotop in den Uran-Spaltprodukten und fanden es tatsächlich. In der Folgezeit bestätigten Labors in den USA Hahns Ergebnisse experimentell, die Sensation war perfekt: Hahn und Straßmann hatten mit Unterstützung von Frisch und Meitner eine der größten Entdeckungen des Jahrhunderts gemacht, die erste Kernspaltung. Die Zeitungen saugten die Informationen gierig auf und Sensationsberichte erschienen, beispielsweise: "Atom Explosion Frees 200,000,000 Volts". Doch im Hinblick auf das, was noch kommen sollte, war die "Atomexplosion" in Hahns Labor nur ein kleiner Zündfunke.

Die bei der Kernspaltung des Urans von manchen Wissenschaftlern befürchtete Kettenreaktion blieb aus. Es stellte sich nun die Frage, ob bei der Kernspaltung weitere Neutronen frei werden und ob diese imstande sind, eine solche Kettenreaktion auszulösen. Den Wissenschaftlern war schon 1939 klar, dass der Effekt möglicherweise ausgenützt werden könnte. Das Team um Frédéric Joliot-Curie bewies am 8. März in Paris, dass bei der Kernspaltung tatsächlich neue und freie Neutronen entstehen. Niels Bohr vertrat 1939 in einer Veröffentlichung die Hypothese, dass nur das Uranisotop-235 spaltbar sei. Aufgrund der geringen Mengen dieses Isotops im natürlichen Uran erschien eine technisch machbare Anreicherung zunächst aber als unmöglich.

Noddack
 
Ida Noddack (1896-1978) gebührt aus heutiger Sicht ebenfalls
ein Verdienst um die Entdeckung der Kernspaltung
  

Ida Noddack hatte schon 1934 die Hypothese vertreten, dass die Kernspaltung des Urans theoretisch möglich sei. In einer Publikation am 10. März 1939 zog sie - pünktlich zu Hahns 60. Geburtstag - die angebliche Entdeckung der Transurane durch Hahn und Straßmann erheblich in Zweifel. Da sich Hahn geweigert hatte, die Hypothese von Ida Noddack 1934 zu veröffentlichen, kam diese Kritik vielleicht aus Rache, denn es war tatsächlich Ida Noddack, die das theoretische Fundament für die Kernspaltung schon zuvor gelegt hatte. Sie fühlte sich nicht ganz zu Unrecht um ihre Verdienste geprellt. Hahn und Straßmann, aber auch andere Forscherteams, führten die früheren Experimente erneut durch, diesmal mit dem Wissen um die Kernspaltung. Es zeigte sich dabei, dass sämtliche "Transurane" Bruchstücke von Umwandlungsprodukten der Kernspaltung waren. Übrig blieb nur das "Eka-Rhenium" (heute: Neptunium). Der Nobelpreis für die Entdeckung dieses Elements staubten aber zwei amerikanische Forscher ab: Edwin McMillan (1907-1991) und Philip H. Abelson (1913-2004). Beide arbeiteten später dann auch an der Entwicklung der Atombombe. 
   
  
Zweiter Weltkrieg

Das nationalsozialistische Regime interessierte sich stark für die neuen Entdeckungen und entwickelte ein eigenes, unabhängiges Uranforschungsprojekt bei der Wehrmacht. Gleichzeitig mussten sich Wissenschaftler wie Werner Heisenberg (1901-1976) und Carl-Friedrich von Weizsäcker (1912-2007) unter dem Druck der nationalsozialistischen Regierung verpflichten, die Nutzbarmachung der Atomkraft zu erarbeiten. Heisenberg schlug schweres Wasser (Deuterium) zur Erzeugung von langsamen Neutronen (zum Beschuss von Uran-235) vor. Hahn und Straßmann am Kaiser-Wilhelm-Institut weigerten sich standhaft, in die Partei einzutreten, Straßmann wurde daher auch die Habilitation verweigert. Sie arbeiteten während dieser Zeit unverdrossen an ihren Untersuchungen der Uranspaltprodukte weiter und hatten mit Heisenbergs Projekt nur wenig zu tun. Um 1944 protestierte Hahn offen gegen Entscheide der Nazis, in einigen Fällen gelang es ihm sogar, durch schriftlich formulierte Einsprüche Mitarbeiter oder deren Frauen vor dem Gang in die Deportation und den sicheren Tod zu bewahren.

In den USA gelang dem aus Italien emigrierten Fermi im Jahre 1942 erstmals die Inbetriebnahme eines "Kernreaktors". Unter der Tribüne des Sportstadiums in Chicago schichtete er 6 Tonnen Uran mit 36,6 Tonnen Uranoxid und 315 Tonnen reinem Graphit auf einem Haufen auf und brachte eine selbstlaufende Kettenreaktion in Gang. Der Graphit diente dabei als Moderator für die Neutronen. Dieser Versuchsaufbau in einer öffentlichen Einrichtung erscheint uns heute aufgrund der auftretenden gefährlichen Strahlung ungeheuerlich. Gleichzeitig machten sich die Amerikaner daran, das "Transuran" Plutonium in größerer Menge herzustellen. Der Bau der Atombombe fand dann schließlich in einem Labor in Los Alamos unter der Leitung von Robert Oppenheimer (1904-1967) statt. 

1944 wurde Hahns Institut aufgrund der häufigen Luftangriffe auf Berlin nach Tailfingen auf die Schwäbische Alb verlegt. Das Anlaufenlassen des ersten deutschen Atomreaktors in Haigerloch unter der Führung von Walther Gerlach (1889-1979) und unter Aufsicht von Werner Heisenberg misslang, vermutlich weil die Gruppe zu wenig Schweres Wasser zur Verfügung hatte.

Nach dem Krieg

Nach Ende des Krieges wurden die deutschen Atomforscher von den Alliierten verhaftet. In britischer Gefangenschaft erfuhren die 10 internierten Forscher - darunter auch Hahn, Gerlach, Heisenberg und von Weizsäcker - vom Atombombenabwurf auf Hiroshima. Vor allem Otto Hahn traf die Nachricht sehr, denn ihm war wohl bewusst, dass er mit seinen Experimenten zur Kernspaltung die Voraussetzungen zur Herstellung der furchtbaren Waffe geschaffen hatte.

Im November 1945 erhielt Otto Hahn rückwirkend den Nobelpreis für Chemie für die Entdeckung der Kernspaltung. Lise Meitner in Schweden ging leer aus. Auch in den darauf folgenden Jahren erhielt sie den Preis nicht, was heute aufgrund ihrer Mitwirkung an der entscheidenden Entdeckung kaum verständlich erscheint. Im Januar 1946 konnten die internierten Wissenschaftler nach Deutschland zurückkehren und erst danach fand die Überreichung des Nobelpreises an Otto Hahn in Schweden statt. Nach dem Krieg wurden Vorwürfe laut, die deutschen Forscher hätten entgegen ihrer Beteuerungen doch an der Entwicklung einer Atombombe für die Nazis gearbeitet. In einer öffentlichen Gegendarstellung widersprach die Gruppe um Hahn und Heisenberg diesem Vorwurf.

Mit der Zündung der ersten Wasserstoffbombe im Jahre 1952 wurden immer mehr die verheerenden Auswirkungen der neuen Superwaffen deutlich. Wie Linus Pauling engagierte sich Otto Hahn gegen den militärischen Einsatz von Kernwaffen. 1958 unterzeichnete er mit zahlreichen anderen die von Pauling initiierte Petition gegen Kernwaffenversuche. Von 1948 bis 1960 war Hahn Gründungspräsident der nach dem Krieg neu ins Leben gerufenen Max-Planck-Gesellschaft. Für seine politischen Tätigkeiten gegen Kernwaffen wurde er sogar einmal für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Bis zu seinem Tod erhielt Otto Hahn zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen.

Und Lise Meitner? Sie erhielt nach dem Krieg zahlreiche Forschungsangebote aus den USA, die sie aber alle ausschlug. Sie wollte keinesfalls an einem Atombombenprojekt mitarbeiten. Ab 1947 leitete sie die Abteilung für Kernphysik an der Technischen Hochschule in Stockholm. Verheiratet war sie nie, ihr Leben ging ganz in der Physik auf. 1960 zog sie nach Cambridge zu ihrem Neffen Otto Robert Frisch, wo sie 1968 - im gleichen Jahr wie Otto Hahn - starb. Auch sie wurde bis zu ihrem Tod mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. 1992 benannte man das Element 109 zu ihren Ehren Meitnerium (Mt), sozusagen als späte Entschädigung für den nicht vergebenen Nobelpreis.

Empfehlenswerte Literaturquellen

 
Copyright: T. Seilnacht 
Portraitfotos : Dt. Museum München