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Leinöl
 
Bild vergrößern! Bild vergrößern Leinöl ist das Öl, das aus den Samen des Ölleins gewonnen wird. Der Ölgehalt der Samen beträgt etwa 30-48%, dieses enthält gesättigte Fettsäuren (1-4% Stearinsäure; 4-8% Palmitinsäure), sowie ungesättigte Fettsäuren (10-30% Linolsäure, 15-30% Ölsäure und 40-68% Linolensäure). Letztere besitzen mindestens eine Doppelbindung in der Kohlenstoffkette. Weitere Inhaltsstoffe sind Wasser, Eiweiße und Kohlenhydrate. Mit Leinöl getränkte und zerknüllte Lappen können sich von selbst entzünden. Sie sollten daher immer auf einer brandsicheren Fläche ausgebreitet getrocknet werden.
  
 
Geschichte Gewinnung Rezepturen Bindemittel Portraits
   
Geschichte und Verwendung
Lein zur Herstellung von Textilien und Speiseölen wurde schon in der Steinzeit als Öllein oder Faserlein angebaut und verarbeitet. Die Aussaat und die Ernte lässt sich auch auf altägyptischen Wandmalereien nachlesen. Leinöl zur Herstellung von Ölfarben kam erst durch den flämischen Meister Jan van Eyck (1395-1491) auf. Leinöl ist seither eines der wichtigsten Bindemittel für Farben und Lacke. Eine Ölfarbe erhält man zum Beispiel durch das Verrühren eines Pigments mit Leinöl. Fast alle großen Meister verwendeten das fette Öl für ihre Ölmalereien. Heute benutzen viele Naturfarbenhersteller wie Auro oder Livos das Öl zur Herstellung umweltverträglicher Farben und Lacke.  

Unter Lufteinwirkung oxidieren ungesättigte Fettsäuren mit dem Luftsauerstoff. Dies gilt vor allem für mehrfach ungesättigte Fettsäuren wie die Linolensäure mit ihren drei Doppelbindungen. Die oxidierten Zwischenprodukte verbinden sich an den Sauerstoffbindungen zu Riesenmolekülen, wobei die Fettsäure zu dem festen und beständigen harzartigen Produkt Linoxyn erstarrt. Der Vorgang des Verbindens vieler Moleküle zu einer kettenförmigen Verbindung wird auch als Polymerisation bezeichnet. Aufgrund dieser Eigenschaft ist das Leinöl mit seinen mehrfach gesättigten Fettsäuren ein hervorragendes Bindemittel, das Pigmente dauerhaft und wetterbeständig auf einem Untergrund haften lässt. Eine unangenehme Eigenschaft aller fetten Öle ist ihre Vergilbung. Dadurch können Ölgemälde im Laufe der Zeit einen Gelb- oder Braunstich erhalten. Je hochwertiger das Leinöl ist, umso geringer vergilben später die Farben. Ein Ölgemälde ist beim Trocknen vor allem in der ersten Phase für das Vergilben anfällig. Das erste Trocknen muss immer bei Licht, aber darf nie bei vollem Sonnenlicht vor sich gehen. Vorsicht geboten ist auch beim abschließenden Schutzauftrag mit Leinöl-Firnis. Selbst bei der bestmöglichen Qualität und Verarbeitung wird Leinöl immer ein klein wenig vergilben. Kunstharze wie die Alkydharze zeigen dagegen eine erheblich bessere Beständigkeit. 
   
 
Leinöl und Verarbeitungsprodukte


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Für Künstlerfarben eignet sich nur helles, gereinigtes Leinöl oder Leinöl-Standöl
 
 
Durch das Erhitzen des Leinöl auf etwa 280°C unter Luftabschluss erhält man ein zähflüssiges Öl, das als Leinöl-Standöl bezeichnet wird. Anstriche mit diesem Öl als Bindemittel sind noch elastischer und beständiger gegen Witterungseinflüsse. Dafür ist die Trocknungszeit erheblich länger, die Fähigkeit zum Vergilben ist nicht so hoch. 
   
Aufgrund seines hohen Gehalts an ungesättigten Fettsäuren ist das Leinöl ein wertvolles Speiseöl. Linolsäure oder Linolensäure gehören zu den essenziellen Fettsäuren, die für den menschlichen Körper lebensnotwendig sind. Vor allem die kaltgepressten Pflanzenöle enthalten einen hohen Anteil an fettlöslichen Vitaminen wie Vitamin A und E. Tierische Fette und Öle besitzen im Vergleich dazu weniger ungesättigte Fettsäuren als pflanzliche Produkte. 
   
Früher diente Leinöl auch zur Herstellung von Linoleum, einem auf Naturstoffen basierenden Bodenbelag, den Sir Frederic im Jahre 1863 in London patentieren ließ. Seit kurzer Zeit erlebt der natürliche Bodenbelag im Zuge eines neuen Umweltbewusstseins eine Renaissance, er wird wieder zunehmend für Bodenbeläge eingesetzt. Darüber hinaus wird das Leinöl zur Produktion von Geweben, Schmierseifen, Kitt und Wachstüchern verwendet.  
   
Aus ökologischer Sicht ist der nachwachsende Rohstoff Leinöl und sein Produktionskreislauf ein gutes Beispiel für eine umweltverträgliche und moderne Technologie der sogenannten sanften Chemie. Sämtliche Produkte, Zwischenprodukte und Abfallstoffe sind umweltverträglich und können wieder in den natürlichen Ökokreislauf zurückgeführt werden:  
  
 
Biografie eines typischen Rohstoffs für Naturfarben

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Quelle: Hermann Fischer, AURO
 

Leinöl ist ein Rohstoff für kosmetische Produkte und es wird zur Konservierung von Holz eingesetzt. Umweltfreundliche Holzlasuren auf Leinölbasis sind frei von bioziden Holzschutzwirkstoffen. Sie pflegen und schützen Hölzer und heben gleichzeitig ihre Struktur hervor. Leinöl könnte als Biokraftstoff eingesetzt werden, allerdings stellt das schnelle Austrocknen an der Luft ein Problem dar. Aus diesem Grund greift man auf Rapsöl zurück.
   
Gewinnung
Der zu den Leingewächsen gehörende Sommerlein kommt in verschiedenen Zuchtformen vor. Faserlein (Flachs) besitzt kleine hellblaue Blüten und einen unverzweigten Stängel. Er wird über einen Meter hoch. Der Stängel besteht aus bis zu 4cm langen Bastfasern, die aufgrund ihrer besonderen Reißfestigkeit zur Herstellung von Textilfasern (Leinen) verwendet werden. Der kleinwüchsigere Öllein ist an etwas größeren Blüten und Samen und an einem stark verzweigten Stängel zu erkennen.  
 
 
Faserlein und Öllein im Vergleich
          
Der Öllein ist kleinwüchsiger und hat verzweigte Stängel.
 
  
Die großen Kapseln und Samen des Ölleins indischer Herkunft garantieren eine gute Ausbeute bei der Leinölgewinnung. Die kleineren, dunkleren Samen aus dem Baltikum oder aus Holland werden für maltechnische Zwecke eher empfohlen. Dieser eher selten angebaute Lein erkennt man an seinen weißen Blüten. Hochwertiges Leinöl für Malzwecke ist frei von Verunreinigungen. Kleine Mengen an unerwünschten Anteilen von Raps- oder Mohnöl können die Trocknungszeiten erheblich verlängern. Hersteller von Künstlerfarben verwenden niemals rohes Leinöl, sondern das helle Lackleinöl (DIN 55933 und 55934), das frei von Farb- und Schleimstoffen ist. 
   
  
Leinpflanze zur Gewinnung von Leinöl

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Der blaublütige Lein eignet sich eher zur Gewinnung von Speiseöl.
 
 
Die Ölmühle Pockau im Kreis Marienberg (Erzgebirge) ist eine noch funktionstüchtige Mühle, die die Gewinnung von Leinöl nach dem alten Verfahren demonstrieren kann. Ein Auszug aus der Begleitbroschüre des Museums (mit freundl. Genehmigung von H. Neubauer und G. Klotz) verdeutlicht das Verfahren:  
   
„In einer 3m langen, schmalen Holzkiste befinden sich 5 eiserne Stampftröge, die mit Ölfrüchten, meist Leinsamen, aber auch Raps, Mohn, Rübsen, Sonnenblumenkerne oder Bucheckern gefüllt werden. 10 Stampfen, zu 5 Paaren geordnet, werden durch die Daumenwelle mittels 20 versetzter Daumen (Nocken) nacheinander in gleichmäßigem Arbeitsrhythmus bei jeder Umdrehung zweimal angehoben und fallen nach dem Abgleiten der Stampfansätze (Gegennocken) von den Daumen der Welle durch ihr Eigengewicht nach unten und leisten dabei Stampfarbeit. Die Ölfrüchte werden nun von den Eisenschuhen der Stampfen zerstampft bis ein öliger Schrot entsteht. (...)  Der Leinschrot wird auf einem Herd, in dem ein mit Sägespänen abgedecktes Feuer mit großen Holzstücken schwelt, in einer Pfanne mit eisernem Boden von 60cm Durchmesser und 10cm Tiefe unter Umrühren auf ca. 70°C erwärmt. Der heiße Leinschrot kommt nun in die eiserne Pressform (30cm Durchmesser).Nach dem Einsetzen der Pressform beginnt mit Hilfe eines Keiles, Gegenkeiles, Hammers und einer Pressplatte die Ölgewinnung. Der Vorgang verläuft folgendermaßen:In der Höhe des Bodenraumes befindet sich eine dritte Holzwelle, die mittels eines Holzgestänges durch den 21. Daumen von der Daumenwelle in eine Pendelbewegung versetzt wird. An dieser Welle hängt ein 65 kg schwerer Eisenhammer, der mit kräftigen Schlägen den Holzkeil fest gegen die Pressplatte der Eisenform treibt. Dabei wird mit gewaltigem Druck der heiße Leinschrot zu einem trockenen Ölkuchen zusammengepresst, und das hierbei gewonnene Öl läuft durch eiserne Lochscheiben und Filzfilter dann als reines Speiseöl in ein darunter stehendes Kupfergefäß. Übrig bleibt der Leinkuchen, der als hochwertiges Futtermittel zu Leinmehl verstampft wird.“  
   
  
Ölmühle Pockau
       
  
Foto links Stampfwerk der Ölmühle Pockau; rechts Schlägelpresse der Ölmühle Pockau
Fotos mit freundlicher Genehmigung Ölmühle Pockau
     

Die Arbeitsschritte dieses Verfahrens entsprechen im wesentlichen der heutigen Gewinnung von Pflanzenölen nach der Kaltpressung. Durch das Auspressen in einer Presse können aus Sonnenblumenkernen, Lein- oder Ricinussamen pflanzliche Öle gewonnen werden. Erfolgt die Pressung bei Zimmertemperatur, lösen sich nur die Öle mit bestem Aroma und bester Qualität. Bei höheren Temperaturen lösen sich auch andere Pflanzenbestandteile, welche die Qualität des Öles vermindern. Aus diesem Grunde gehören kaltgepresste Pflanzenöle zu den wertvollsten und teuersten Ölen. Für Farben kommen nur kaltgepresste Öle in Frage.  
   
Fette und Öle lösen sich in unpolaren, organischen Lösungsmitteln wie Hexan oder Benzin besonders gut (Gefahrenpotenzial beachten!). Zur Ölgewinnung werden die zerkleinerten oder gemahlenen Samen in einem Kolben mit dem Lösungsmittel versetzt und leicht erhitzt. Ein aufgesetzter Rückflusskühler verhindert, dass die Öle bei höheren Temperaturen abdampfen. Während der Extraktion lösen sich die pflanzlichen Öle und Fette im Lösungsmittel. Befinden sich im Extrakt noch feste Pflanzenbestandteile, werden diese abfiltriert.  
   
Nach der Extraktion wird das Lösungsmittel vom Filtrat abdestilliert. Die Pflanzenöle besitzen wesentlich höhere Siedetemperaturen als das niedrig siedende Benzin, das zuerst abdestilliert und für weitere Extraktionen wieder verwendet werden kann. Im Rückstand der Destillationsapparatur bleibt das reine Pflanzenöl zurück.  
     
 
Prinzip der Kaltpressung im Schulversuch

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 Wird ein leicht entzündlicher Kohlenwasserstoff zur Extraktion verwendet,
ist das Gefahrenpotential des Extraktionsmittels zu beachten.
 
 
   
Rezepturen
Zur Herstellung einer Ölfarbe kann man einfach einen Teil Leinöl oder Leinöl-Standöl mit der bis zu dreifachen Menge an Pigment verrühren bis man eine Paste erhält. Für Schulzwecke nimmt man am besten eine Petrischale und reibt die Farben mit einem Messer an. Für größere Mengen eignet sich eine Reibschale mit Pistill oder eine Glasplatte mit Glasläufer. Die Gefäße können nach der Verarbeitung nicht mit Wasser gereinigt werden, dies ist ein erheblicher Nachteil für die Schule. Zum Reinigen von Pinseln und Geräten wird ein ökologischer Pinselreiniger empfohlen (im Unterricht kein Benzin oder Terpentin verwenden!). 
  
Einige Künstler verdünnen ihre Ölfarben mit Terpentinöl. Soll die Ölfarbe langsamer trocknen, wird Mohnöl zugegeben. Verunreigungen werden mit Terpentinöl beseitigt. Die Zugabe von Dammarharz oder Mastix beschleunigt die Trocknung. Da diese Harze aber vergilben, nimmt man heute als Sikkativ in der Regel eine fertige Lösung von Metallseifen in Terpentinöl. 
   
Weitere Infos
Infos zu den Ölfarben 
Arbeitsblatt Rezepte zur Herstellung von Farben 
Demonstrationsversuch Herstellung von Leinöl im Kaltverfahren 
Farbenprojekt Leinöl und nachwachsende Rohstoffe
   
Copyright: T. Seilnacht
www.seilnacht.com